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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Zeichnung und Bewustseinsinhalt


Hammurapi
28.01.2008, 21:52
Hallo liebe Freimaurer,

ich habe mir mal Gedanken über den Begriff Zeichnung gemacht. Zunächst scheint klar, dass dieser Begriff aus der Tradition der Steinmetzen kommt. Ein Mitglied legt zeichnerisch dar, wie er, nach Regeln der Geometrie und der damaligen Statik, ein Bauwerk erstellen würde.

Heute finden Zeichnungen verbal in Form von Vorträgen in der Logensitzung statt. Mann könnte meinen, dass der Begriff Zeichnung hier etwas strapaziert wird.

Meiner Ansicht nach vielleicht aber auch nicht. Was wir mit einem Vortrag eigentlich tun ist, dass wir mit Worten und Beispielen Bewustseinsinhalte in die Vorstellungswelt unserer Zuhörer "hineinzeichnen". Jeder Zuhörer wird so gesehen zu einer Leinwand, die anfänglich nicht einmal nur weiß ist. So entsteht eine Reihe von Bildern, die ein Gesamtkunstwerk bilden, aber auch im Einzelnen überraschende Ergebnisse für den Zeichnenden sein können.

Wie seht Ihr das?

Grüße,
Hammurapi.

Moritz
28.01.2008, 22:50
Hallo Hammurapi,

so ganz gefällt mir Dein Vergleich nicht. Der Begriff lautet (soweit ich das kenne): "eine Zeichnung auflegen" und bezieht sich, wie Du es richtig dargestellt hast, auf die Erläuterungen zum (eigenen) Bauplan.

In Deinem Bild ist der Zuhörer die weiße Wand auf der "gezeichnet" wird. Dies ist aber eher ein passiver Vorgang (auf mir, oder in mein Bewusstsein wird etwas gezeichnet). Das widerspräche nach meinem Verständnis der maurerischen Arbeit. Jeder Zuhörer soll sich selbst "ein Bild machen" und entscheiden, was er von der Zeichnung übernimmt. Er muss sich selbst mit dem Inhalt der Zeichnung auseinandersetzen. Er entscheidet also aktiv darüber wie sich die Zeichnung in ihm darstellt.

Das ist zwar nur ein kleiner, aber wie ich finde nicht ganz unbedeutender, Unterschied.

Gruß

Moritz

Hammurapi
28.01.2008, 23:12
Hallo Moritz,

wie Du richtig angemerkt hast hinkt dieser doch sehr bildliche Vergleich in der Art, dass natürlich die beschriebenen Leinwände denkende Individuen darstellen, die keineswegs nur passive Empfänger sind.

Aber, um dieses Bild etwas zu erweitern, handelt es sich um Leinwände, die bereits gewisse Färbungen haben. Treiben wir es auf die Spitze und sagen, dass darauf die Farbe sogar noch nass wäre. Jede einezelne individuelle Leinwand ergäbe bei gleichen Pinselstrichen am Ende doch ein individuelles Bild. Da sich die alte und die neue Farbe mischen, reagiert das Bild im Augenblick der Zeichnung.

Grüße,
Hammurapi

Ahura Mazda
29.01.2008, 05:53
Hallo Moritz,

wie Du richtig angemerkt hast hinkt dieser doch sehr bildliche Vergleich in der Art, dass natürlich die beschriebenen Leinwände denkende Individuen darstellen, die keineswegs nur passive Empfänger sind.

Aber, um dieses Bild etwas zu erweitern, handelt es sich um Leinwände, die bereits gewisse Färbungen haben. Treiben wir es auf die Spitze und sagen, dass darauf die Farbe sogar noch nass wäre. Jede einezelne individuelle Leinwand ergäbe bei gleichen Pinselstrichen am Ende doch ein individuelles Bild. Da sich die alte und die neue Farbe mischen, reagiert das Bild im Augenblick der Zeichnung.

Grüße,
Hammurapi

Das finde ich interessant!
Die Leinwand in seiner Struktur als das "Ich", während das farbgestaltete Bild welches wir wahrnehmen mit den Farben die "Persona" darstellt.
Je länger die Farbe auf der Leinwand ist um so stärker fixiert sie sich darauf, von der Außenwelt kommt immer wieder neue Farbe, welche unsere "Persona" mitgestaltet.
So gesehen ist acht zu geben dass die Farbe sich festigen aber nie richtig antrocknen darf.

Gruß Andreas

Hammurapi
31.01.2008, 09:56
Hallo Ahura Mazda,

bildhafte Vergleiche sind immer schön, nicht wahr? Sie sprechen sehr stark das innere Auge an.

Die Person, die Maske oder meist auch die Funktion, die wir darstellen, ist an sich oft etwas langweilig und anstrengend. Schlimmer ist es noch, wenn sie getrocknet und starr ist. Viele leben dann nur noch ihre Person und kennnen ihr Selbst nicht mehr.

Grüße,
Hammurapi

oberon
31.01.2008, 12:04
Bei dieser ganzen Diskussion sollte man aber bedenken, dass die "Zeichnung", oder sagen wir besser, der Begriff, nicht bei allen deutschen Großlogen verwendet wird.

Und der Großteil der Freimaurerei, nämlich der anglo-amerikanische Teil, kennt den Vortrag in der Loge überhaupt nicht. Man sollte also nicht zu viel "tief freimaurerisches" in diesem Begriff hereinlesen.

Viele Grüße,

Thomas

Hammurapi
31.01.2008, 19:09
Hallo Thomas,

wenn aber die Amerikaner den Vortrag in der Loge nicht kennen, haben sie dann auch keine Diskussion?

Der bildliche Vergleich mit der "Zeichnung" hat mich gereizt, weil ich oft feststelle, dass Begriffe, die man im täglichen Leben benutzt, mehr Seiten und viel tiefere Wurzeln haben als zunächst angenommen.

In Englischen Haushalten z.B. gibt es oft einen sogenannten "Drawing Room". Von Zeichenutensilien oder dergleichen ist aber meist nichts zu sehen. Oft findet man aber bequeme Sessel sowie Schreibtische.

Grüße,
Hammurapi

oberon
31.01.2008, 19:26
Diskussionen kennen sie schon, aber eben nicht als Teil der Tempelarbeit, sondern eher davor und danach.

Und auch dazu muss ich sagen, dass Zeichnungen und/oder Vorträge nicht zwangsweise diskutiert werden. In vielen Logen ist es unüblich, einen Vortrag auch nur zu kommentieren, schon gar nicht in der Loge.

Die Tradition von einer Diskussion in der Loge stammt vor allem aus der romanischen Freimaurerei, wo es ungemein politischer zugeht als bei uns.

Aber auch in Logen, in denen der Vortrag/die Zeichnung nicht diskutiert werden, wird nach der Tempelarbeit diskutiert, sich unterhalten, oder einfach die Zeit genossen. Es ist ja auch nicht jedem ständig nach einer Diskussion zumute.

Viele Grüße,

Thomas

Hammurapi
31.01.2008, 19:55
Hallo Thomas,

also wie ich das verstehe, ist bei der Gestaltung des Logenabends keine genaue Regelung vorgesehen, außer die, die man in der (Groß-)Loge selbst beschließt.

Sicherlich ist das Vor und das Nach der Tempelarbeit sehr wichtig, weil Freundschaft doch ehr in einem unformalen Rahmen gelebt werden kann.

Die Einzelheiten über die Tempelarbeit und die Rituale muß ich hier nicht erfahren, weil dafür vermutlich Gästeabende gedacht sind.

Grüße,
Hammurapi

oberon
31.01.2008, 20:20
Hallo Thomas,

also wie ich das verstehe, ist bei der Gestaltung des Logenabends keine genaue Regelung vorgesehen, außer die, die man in der (Groß-)Loge selbst beschließt.


Im Grunde richtig, wenn wir das Gleiche als "Logenabend" verstehen. Das Ritual ist wortwörtlich festgelegt und darf auch von einzelnen Logen nicht "eigenmächtig" geändert werden.

Innerhalb des Rituals gibt es aber Passagen, die situationsbedingt gefüllt werden können. Aufnahmen, Vorträge, frmr. Feste. usw.

Und was vor und nach der rituellen Abreit geschieht ist von der individuellen Logentradition abhängig.

Viele Grüße,

Thomas

Sekretär
04.02.2008, 14:21
Hallo Hammurapi,


also wie ich das verstehe, ist bei der Gestaltung des Logenabends keine genaue Regelung vorgesehen, außer die, die man in der (Groß-)Loge selbst beschließt.

Sicherlich ist das Vor und das Nach der Tempelarbeit sehr wichtig, weil Freundschaft doch ehr in einem unformalen Rahmen gelebt werden kann.


In meiner Loge wird über den Tempel-Vortrag nicht im Tempel und auch nicht danach diskutiert. Er dient als Anregung und soll ohne Diskussion wirken.

Damit soll - so meine Interpretation - verhindert werden, dass die Gedanken, die der Redner dargelegt und der Bruder im Zusammenwirken mit dem Ritual entwickelt hat, zerredet werden. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Brüder eine kopie des Textes vom Redner erbitten, damit sie ihn studieren können.

Gruß. Stefan

Hammurapi
05.02.2008, 22:40
Hallo Sekretär


Damit soll - so meine Interpretation - verhindert werden, dass die Gedanken, die der Redner dargelegt und der Bruder im Zusammenwirken mit dem Ritual entwickelt hat, zerredet werden. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Brüder eine kopie des Textes vom Redner erbitten, damit sie ihn studieren können.
Gruß. Stefan

Durch eigene Vorträge den Brüdern interessante Themen zu vermitteln finde ich selbst sehr gut. Zudem kann man sicherlich Vieles erfahren, auf was man im Alltag vielleicht nicht kommen würde.

Welche spezielle Rolle spielt der Vortrag in der Logensitzung? Geht es dabei um das ganz eigene Erlebnis des Vortragenden? Wird zwischen dem Vortragenden und der Loge ein Thema vereinbart?

Grüße,
Hammurapi

oberon
05.02.2008, 23:08
Auch das ist sehr verschieden. Es gibt Logen, die so etwas wie ein Jahresthema haben. Bei uns ist es eher so, dass jüngere Brüder über ihre ersten Erfahrungen und Erlebnisse in der Freimaurerei berichten, darüber, wie es ihnen bei der Aufnahme ergangen ist, was ihnen seitdem durch den Kopf geht oder wo sie ihre Blickweise verändert hat.

Ich selber halte z.B. lieber Vorträge über Symbolik und Ritual, andere Brüder über FM-Geschichte oder Geisteswissenschaften usw. Selten kommt es auch mal vor, dass ein Thema vorgegeben wird. Das passiert meist dann, wenn jemand solche Dinge äußert wie "Das sollte man man näher ausarbeiten." Meist kommt dann vom Bruder Redner ein "Dann mach doch mal." Letztendlich ist aber jeder Vortrag freiwillig. Zumindest bei uns.

Und über den Vortrag wird auch deshalb nicht diskutiert, weil sich dann auch schwächere Redner mal ans Pult wagen. Bei uns halten Brüder Vorträge, die sich das "draußen" nicht trauen würden, weil sie wissen, dass er weder inhaltlich noch semantisch verrissen wird. Aber es gibt auch durchaus Logen, in denen das eher sportlich zugeht, wie in einem Literaturclub.

Viele Grüße,

Thomas