PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Jeder oder nur einzelne?


Riff Invader
13.12.2007, 19:17
Hallo liebe Freimaurer!
Ich habe mich schon seid 2 Jahren mit den Freimaurern auseinandergesetzt und interessiere mich stark für euren Verein.

Daher ist es meine Frage muss ich zb in der Politik vertreten sein zb. Minister oder Bürgermeister einer Gemeinde um einer Loge beitreten zu können? Oder kann es jeder beliebige "Otto-Normal-Verbraucher" ? Ich denke nicht das jeder beliebige das tun kann. Ich denke mal nicht das ihr Ex-Schwerverbrecher wie Vergewaltiger oder sogar Mörder die ihr leben nach dem Gefängnis gerade wieder im Griff haben einweiht? Überhaupt nur als Beispiel! Also konkret kann jeder beitreten oder müssen zb. nicht Politische Bürger oder Vorbestrafte draussen bleiben?

Danke schonmal für eure Antwort,

euer Musiker Riff.

Sekretär
13.12.2007, 20:00
Hallo Riff,



Grundsätzlich: Den Verein Freimaurerei gibt es nicht. Jede Loge ist eine eigener eingetragener Verein und spricht für sich. Und um es noch komplizierter zu machen: Kein Freimaurer kann im Namen aller Freimaurer sprechen. Jeder FM spricht für sich. Also ich auch nur für mich und über die Praxis, wie ich sie in meiner Loge erlebe.

Zu Deiner Frage gibt es aber ein paar grundsätzliche Antworten:

Freimaurer kann jeder freie Mann von gutem Ruf werden. Ob Politiker, Manager oder einfacher Bürger ist dabei egal. Diskussionen über Politik und Religion (im Sinne von Konfession oder Dogmen) sind in den Logen verboten. Ein Politiker kommt also nicht als politisch Handelnder zu uns, sondern als ganz normaler Mensch. :angel:

Wichtig: Wir nehmen keine Frauen auf. Der Bewerber muss frei sein in seinen Entscheidungen, einen guten Leumund (Ruf ) haben. Eine strafrechtliche Verurteilung bei einem Suchenden wäre in meiner Loge sehr wahrscheinlich ein Hindernis für eine Aufnahme.

Außerdem muss der Suchende die monatlichen Mitgliedsbeiträge (rund 30 bis 50 Euro), die Aufnahmegebühr (einmalig rund 300 Euro) und die Gebühren für die Beförderung in die jeweiligen Erkenntnisstufen bezahlen können (jeweils rund 100 Euro). Dazu kommen Kosten für den Smoking oder schwarzen Anzug, das weiße Hemd plus weißer Fliege sowie bei vielen Logen den Zylinder (Hoher Hut oder Chapeau Claque).

Das sind die Formalien.

Jede Loge entscheidet sich bewußt für einen Suchenden. Denn Loge und neuer Bruder müssen zusammenpassen, da sonst die Loge auseinanderfliegen kann. Deshalb gibt es in der Regel ein oder mehrere Vorgespräche. Brüder treffen sich einzeln der in kleinem Kreis mit dem Kandidaten und es können Wochen in manchen Logen auch Monate vergehen, bevor ein Interessent zum Kandidaten oder Suchenden wird.

In meiner Loge wird in der Regel nur über eine Aufnahme abgestimmt, wenn den sondierenden Brüdern (Aufnahmekomitee) in den Vorgespräche klar geworden ist: Der passt zu uns. Das verhidnert Frust auf beiden Seiten und senkt das Risiko, dass ein Bruder nach relativ kurzer Zeit deckt, also die Loge wieder verlässt. Denn angestrebt wird bei der Aufnahme eine lebenslange Bindung an die Loge. Wir sind kein Lala-Club.

Grüße, Stefan

Riff Invader
13.12.2007, 20:39
Sehr informative Antwort. Danke!:angel:

Wie du aber sagtest gibt es im gewissen sinne die Freimaurer garnicht mehr so wirklich wie es sie einst gegeben hat. Wenn jede Loge nur für sich spricht, ist ja der Bund der Großlogen eigentlich fehl am Platz, denn jeder hat andere Meinungen und andere Bedürfnisse und Ziele, schneiden sich da nicht ein paar Logen ins eigene Fleisch? oder ist es nicht so das vll. ein paar Logen verfeindet sein können? Versteh mich nicht falsch, auch wenn jeder Bewerber intensiv gecheckt wird ob er zu Loge passt muss er noch lange nicht mit anderen Menschen gut Kirschen essen. Mir geht es nur darum wegen den verschiedenen Logen, wenn du für dich sprichst und alle nur für sich sprechen, wo ist dann da bitte der Sinn?
Und Warum sind Politische als auch Religiöse Themen in der Loge verboten? Das würde ich mal gern wissen. Ich dachte ich wüsste viel, aber wenn man mit Leute wie euch redet wird man um einige Informationen reicher! Das ist super, danke schonmal,

Riff.

oberon
13.12.2007, 21:11
Hallo Riff,

Sekretär hat Recht damit, dass niemand für die ganze Freimaurerei reden kann, sondern nur jeder für sich. Trotz aller Gemeinsamkeiten im freimaurerischen Erleben und in Grundwerten sind die einzelnen Brüder doch sehr unterschiedlich. Die Großlogen sind dafür da, gewisse Traditionen überregional fortzuführen und bilden auch international die Anlaufstelle für Brüder, die sich informieren wollen. Großlogen sind aber auch dahingehend "nur" Dachverbände, indem sie sozusagen Rahmenbedingungen festlegen, innerhalb derer sich die einzelnen Logen sehr frei als eigenständige Vereine bewegen können.

So obliegt es den einzelnen Logen, wer bei ihnen aufgenommen wird und wer nicht. Das ist auch schon immer so gewesen, die Freimaurerei wie es sie einst gegeben hat, so wie Du schreibst, könnte anders gewesen sein als Du glaubst.

Politische und religiöse Themen sind mit gutem Grund in den Logen verboten, und das schon seit sehr langer Zeit. In den Logen treffen sich wie gesagt sehr unterschiedliche Menschen mit ebenso unterschiedlichen politischen und religiösen Ansichten. Diese Themen führen all zu leicht zu "Grabenkämpfen", selbst unter Brüdern, und würden den Brüdern, der Loge und der Freimaurerei nicht gut tun.

Die Grenzen sind aber fließend, denn man kann diese Themengebiete nicht klar von gesellschaftlichen oder spirituellen Themen trennen. Die Brüder einer Loge entwickeln meist ein Gespür dafür, wie diese Themen bei ihnen behandelt werden.

Auch ist damit nicht gemeint, dass der einzelne Bruder nicht politisch oder religiös aktiv sein soll/kann/darf, sondern es geht um Diskussionen über diese Themen in der Bruderschaft.

Viele Grüße,

Thomas

Ulli
13.12.2007, 23:19
Hallo,

Zitat:

„Auch ist damit nicht gemeint, dass der einzelne Bruder nicht politisch oder religiös aktiv sein soll/kann/darf, sondern es geht um Diskussionen über diese Themen in der Bruderschaft.“

Wie wird es in den FAQ´s einer anderen Freimaurerhomepage erklärt:

„Freimaurer kommt von frei – keinen Zwängen unterworfen.“ – die üblichen Spielregeln einmal ausgenommen. Wenn ein Mensch keine Einstellung zum Leben, zu Religion, Politik und Gesellschaft hat – kann man mit ihm schwerlich diskutieren. Ich stelle mir so ein Treffen wie ein „Open space“ vor. Man sucht sich halt die Gruppierung aus, deren aktuelles Thema genehm ist. Das „Herumschwirren“ zwischen den einzelnen Themen ist erlaubt – und erwünscht. Auf der einen Seite ist es möglich, für sich persönlich wichtige Informationen zu erhalten – aber auch sich aktiv einzubringen, indem man Informationen transportiert.

Viele Grüße

Ulli

Sekretär
14.12.2007, 12:34
Mir geht es nur darum wegen den verschiedenen Logen, wenn du für dich sprichst und alle nur für sich sprechen, wo ist dann da bitte der Sinn?

Nicht das Sprechen für oder über die Freimaurerei ist wichtig. Wir wollen nichts außerhalb der Loge erreichen, sondern nur in uns , für uns persönlich.

Die Unterschiede zwischen den Brüdern sind der Sinn der Loge. Nur dadurch wird ein echter, fruchtbarer Austausch möglich. Wären alle Brüder innerlich gleich, würde die Gruppe im eigenen Saft schmoren, sich in seinen Stärken, aber vor allem Schwächen bestärken und schnell zerfallen.
Entwicklung braucht Unterschiede bei den Beteiligten.

Das Ritual ist in seinen Symbolen so angelegt, dass jeder Bruder aus jeder Arbeit etwas mitnehmen kann. Durch die Sysmbolsprache wirkt das Ritual nachhaltig und lange fort, selbst wenn die Handlungen die dort vollzogen werden längst vorbei sind.

Gruß,
Stefan

Ulli
14.12.2007, 21:58
Hallo Sekretär.

Sicher, das ist einleuchtend.

primär sind alle Menschen gleich – vor dem Schöpfer, vor dem Gesetz. Sekundär (oder sollte dieses der Primärzustand sein??) sind wir jedoch Individuen mit differenzierten Auffassungen und Vorstellungen vom Leben, von der Politik, der Gesellschaft und so weiter. Keine Meinungsabweichungen – keine Diskussion. Dann nützt mir auch der schönste Ritus, die beste rituelle Handlung nichts. Zitat: „schmoren im eigenen Saft“. Sehr treffend formuliert.

Eine sinnvolle Außenwirkung frm. Betätigung, sozusagen in homöopathischer Dosis, sehe ich aber doch. Allein schon in diesem Forum. Und eben auch, indem man in gewissem Maße Wesens- und Charakterbildung betreibt, bis in jede Altersgruppe hinein. Gedanken, welche in Wort und Schrift artikuliert werden, erfahren sicherlich einer sorgsamen und bedachten Formulierung.

Viele Grüße

Ulli

Sekretär
17.12.2007, 11:22
Hallo Ulli


Eine sinnvolle Außenwirkung frm. Betätigung, sozusagen in homöopathischer Dosis, sehe ich aber doch. Allein schon in diesem Forum. Und eben auch, indem man in gewissem Maße Wesens- und Charakterbildung betreibt, bis in jede Altersgruppe hinein. Gedanken, welche in Wort und Schrift artikuliert werden, erfahren sicherlich einer sorgsamen und bedachten Formulierung.


D'accord. Aber dies ist nicht das eigentliche Ziel. Ziel ist es, sich selbst zu vervollkomnen. Dass dies nicht ohne Wirkung auf das Außen bleibt, wird dabei billigend in Kauf genommen.

Viele Grüße

Stefan

Ulli
18.12.2007, 00:22
Hallo Stefan,

sich selbst vervollkommnen - das ist ein hoher Anspruch. Wie kann es mir gelingen, an der eigenen Vollkommenheit zu arbeiten, wenn ich mich nicht vergleiche? Wo ist dann der Maßstab? Nur meine Brüder in der Loge? Wobei ich der Auffassung bin, dass eine Vervollkommnung niemals gelingen wird. Kein Mensch ist unfehlbar – er wird in ihrem Sinne gedacht, immer eine Baustelle bleiben. Es ist mir klar, dass die Freimaurer nicht mit einem „Lehrauftrag“ für bessere Lebensführung auf Reisen sind. Aber in der Formulierung „billigend in Kauf genommen“ sehe ich die Intention, dass man eine Entwicklung durch nicht eingreifen im positiven Sinne sanktioniert. Zum einem, weil diese von marginaler Bedeutung ist, zum anderen weil es niemandem schadet, vielleicht sogar nützt.

Ich werde jetzt erst einmal an mir arbeiten – und mich wieder unter die Rubrik „Sonstiges“ zurückziehen.

Viele Grüße
Ulli

Sekretär
18.12.2007, 12:56
Hallo Ulli,

sich selbst vervollkommnen - das ist ein hoher Anspruch. Wie kann es mir gelingen, an der eigenen Vollkommenheit zu arbeiten, wenn ich mich nicht vergleiche? Wo ist dann der Maßstab? Nur meine Brüder in der Loge?

Nicht nur. Die Loge ist in meinen Augen der Ort der Reflexion, auch des Vergleichens und Einordnens von Erfahrungen, des Austausches. Dies geht auch außerhalb der Loge, doch in ihr und mit den Brüdern geht es meiner Meinung nach tiefer und besser.

Wobei ich der Auffassung bin, dass eine Vervollkommnung niemals gelingen wird. Kein Mensch ist unfehlbar – er wird in ihrem Sinne gedacht, immer eine Baustelle bleiben. Stimmt, aber das wird uns ja auch immer wieder "gepredigt". In der GLLFvD geht diese ewige Bauerei soweit, dass dies in den Hochgraden in de letzten Erkenntnisstufe sogar am Schurz zu erkennen ist.

Es ist mir klar, dass die Freimaurer nicht mit einem „Lehrauftrag“ für bessere Lebensführung auf Reisen sind. Aber in der Formulierung „billigend in Kauf genommen“ sehe ich die Intention, dass man eine Entwicklung durch nicht eingreifen im positiven Sinne sanktioniert. Zum einem, weil diese von marginaler Bedeutung ist, zum anderen weil es niemandem schadet, vielleicht sogar nützt.

Das "billigend in Kauf nehmen" war in dem Sinne gemeint, dass ein durch die FM geändertes Verhalten auch eine Änderung in den Reaktione der profanen Umwelt mit sich bringt. Und dass der Freimaurer dies nicht aktiv betreibt (im Sinne von Missionierung), weil er in erster Linie an seinem rauhen Stein arbeitet und nicht an dem des Nachbarn oder Kollegen in der profanen Welt.

Von daher liegen wir hier ganz dicht zusammen.

Viele Grüße,

Stefan

Ulli
18.12.2007, 23:59
Hallo Sekretär,

vielen Dank, dass sie so eingehend auf meine Zeilen eingegangen sind. Ich habe heute ein Buch in die Hand genommen, in dessen Einband fand ich folgende Zeilen von Hermann Hesse:

„Es scheint wirklich den Menschen
nur eine Hoffnung zu geben:
Zwar nicht die Welt und die anderen,
aber wenigstens sich selbst einigermaßen
ändern und bessern zu können;
und auf denen die das tun,
beruht im geheimen das Heil der Welt.“

Leider konnte ich nicht herausfinden, ob Hermann Hesse einer Freimaurerloge angehört hat.

Nach meiner Empfindung formulieren diese Worte exakt die Quintessenz aus den Beiträgen, die inhaltliche Fragen und Antworten zur Freimaurerei beinhalten. Genau genommen knüpft die letzte Zeile nahtlos wieder an die erste Zeile an. Eine unendliche Geschichte. Wie ja auch jedes große Bauwerk eigentlich nie vollendet sein wird.

Freimaurer leben und erleben in ihren Logen Humanität und Ethik. Ohne „Außenwirkung“ schaffen sie dort eine Sphäre von Geborgenheit und Vertrautheit. Problematisch wäre für mich, wenn ich dann vor die Tür eines solchen humanitär-ethisch geprägten Domizils trete – und mit den Gegebenheiten der heutigen Welt konfrontiert werde. Lernt man zu differenzieren, „lebt“ man zwei Leben?

Viele Grüße

Ulli

Sekretär
19.12.2007, 10:08
Leider konnte ich nicht herausfinden, ob Hermann Hesse einer Freimaurerloge angehört hat.


Soweit ich weiss, war er kein Freimaurer.



Freimaurer leben und erleben in ihren Logen Humanität und Ethik. Ohne „Außenwirkung“ schaffen sie dort eine Sphäre von Geborgenheit und Vertrautheit. Problematisch wäre für mich, wenn ich dann vor die Tür eines solchen humanitär-ethisch geprägten Domizils trete – und mit den Gegebenheiten der heutigen Welt konfrontiert werde. Lernt man zu differenzieren, „lebt“ man zwei Leben?

Man soll nicht trennen, sondern der Freimauerer sollte das in der Loge Aufgenommene im profanen Leben umsetzen. Also auf die inneren Stimmen Gewissen und Vernunft hören und deren Botschaften so einsetzen, dass sie sein Handeln im Alltag bestimmen.

Dass dies nicht immer gelingt, ist (leider) nur allzu menschlich. Als Ziel und stetige Aufgabe bleibt es aber erhalten. (Wer ewig strebend sich bemüht...) Deshalb endet dieses Lernen auch nie, was auch Menschen außerhalb der Freimaurerei nicht bezweifeln, wenn sie sich ernsthaft mit der Entwicklung der Persönlichkeit befassen.


Viele Grüße

Stefan

Ulli
19.12.2007, 22:55
Hallo Sekretär,

„Auf die innere Stimme hören“ - das empfinde ich dann so, als würde man sich durch die Logenarbeit einen „mentalen Berater“ schaffen – (vgl. Josef Weiß, Selbstcoaching). Man orientiert sich im Reden und Handeln an einem Vorbild. Die innere Stimme erhält ein Gesicht. Hierzu entwickelt der einzelne dann seinen ganz persönlichen Ritus – er betrachtet und arbeitet an seiner Haltung, seiner Ausdrucksweise und der Wortwahl. Orientiert sich in seinem Verhalten somit an seinem internen Vorbild. Auf ihre Logen übertragen werden sie in der Regel sicherlich erfahrene Brüder oder Angehörige eines höheren Erkenntnisstandes wählen.

„Dass dies nicht immer gelingt, ist (leider) nur allzu menschlich.“ - Ich frage mich, ist es nicht gerade das „gelegentlich-nicht-gelingen“, dass uns alle so menschlich macht? Wir haben Gefühle und sind keine Sprach-, Schreib-, Arbeits- und Erziehungsmaschinen.

Die persönliche Entwicklung eines Menschen wird niemals abgeschlossen sein. Leben, bewusstes Leben, ist ein lebenslanger Lernprozess. Darf ich das Ganze so formulieren: Die Freimaurer stellen hohe Ansprüche an sich, an ihre Arbeit „am rauen Stein“. Das Modellieren dieses Steines ist jedoch eine unendliche Geschichte – da das Ziel ständig „fortgeschrieben“ – und damit den Gegebenheiten angepasst wird. Das Ziel entwickelt sich zu einer Vision.

Freundliche Grüße

Ulli

mcblubb
19.12.2007, 23:39
Darf ich das Ganze so formulieren: Die Freimaurer stellen hohe Ansprüche an sich, an ihre Arbeit „am rauen Stein“. Das Modellieren dieses Steines ist jedoch eine unendliche Geschichte – da das Ziel ständig „fortgeschrieben“ – und damit den Gegebenheiten angepasst wird. Das Ziel entwickelt sich zu einer Vision.


Hallo Ulli,

natürlich darfst Du es so formulieren.:yes:

In meiner kurzen Zeit als FM habe ich für mich festgestellt, dass vieles wesentlich simpler ist, als sich ein Außenstehender das vorstellen mag.

Ich beobachte an mir, dass oft bei Kleinigkeiten darüber nachdenke, wie ich reagieren soll.

Beispiel: Ich fahre morgens zur Arbeit. Es ist Stoßverkehr nd jder drängelt sich durch die Stadt, was das Zeug hält. Ich lege den Weg seit 5 ahren fast täglich zurück und habe mich fast immer wie im "Krieg" gefühlt. Jeder, der vor mir reinfährt ist früher da als ich und ich komme wieder ein paar Sekunden später. Dahinter steckt Bosheit und Absicht.
Mittlerweile sehe ich das wesentlich gelassener. Die 5 Minuten, die ich dann später komme tun wir nicht weh. Aber bereite ich nicht vielen Menschen eine Freude, wen ich sie vor mir reinlasse, sie "gewinnen" lasse, oder dem tatsächlich unsicheren Verkehrsteilnehmer sein Leben ein klein wenig vereinfache?
Eigentlich banal - oder?

Irgendwer hat hier geschrieben, dass er seine Frau immer wenn er das Haus verlässt in den Arm nimmt und küsst.
Seine Begründung: Da Leben kann von einer Sekunde zur nächsten zu Ende sein, da möchte er sicher gehen, dass die letzte Begegnung mit seiner Frau liebevoll war.
Dieser Gedankengang hat auch mein Verhalten beeinflusst.
Eigentlich auch banal.

Ich reflektiere nicht pausenlos mein Handeln und lege freimaurerische Maßstäbe an. Aber manchmal hinterfrage ich doch, was ich tue.
Wenn ich jemanden anschnautzen will oder eine unfreundliche E-Mail schreibe. Ein kurzes Besinnen und Einlenken hilft schon.

Und das verrückte: auch mir geht es danach besser...

Natürlich mögen andere Menschen genauso oder ähnlich handeln und Brüder Freimaurer mögen es anders sehen....

Herzliche Grüße

MC

Nicola
20.12.2007, 03:22
Hallo MC,

deinen Beitrag fand ich sehr schön, weil er auf einfachem Weg etwas beschreibt, das ich an mir selbst erlebe, seitdem ich mich mit der Freimaurerei beschäftige, obwohl ich kein Bruder bin (zumal ich auch weiblich bin).

Das Beispiel mit dem Autofahren ist sehr gut, denn dann merke ich wirklich die Aggressivität mancher Menschen. Früher habe ich mich aufgeregt, wenn mich jemand angehupt hat oder beschimpft hat beim Autofahren, vor allem wenn ich nicht wusste, was ich denn falsch gemacht habe. Seit einiger Zeit denke ich mir, dass dieser Mensch wohl gerade keine Lust an seinem "rauhen Stein" zu arbeiten und lasse mich nicht auf negative Gefühle ein. Auch in anderen Situationen schaue ich mir den Mensch an und frage mich, ob das was er macht oder sagt, einen guten Freimaurer ausmachen würde, soweit ich das beurteilen kann.

Natürlich bewerte ich die Menschen nicht dannach, ob sie Freimaurer sind oder nicht, aber dennoch, denke ich manchmal: das ist doch sehr human, oder eben nicht human, etc.

Ein kleines Beispiel von mir, das aus einem Buch über die Kabbalah ausmacht und Selbstreflexion in den Vordergrund stellt: jemand schrieb, wenn sein Sohn ihn fragt, ob er mit ihm Fussball spielen will, aber er selbst gerade etwas berufliches oder was auch immer erledigen will und keine Zeit, dann "ist es für ihn Kabbalah" gerade in der Situation zu entscheiden, mit seinem Sohn Fussball zu spielen. Das erinnert mich auch an den Spruch, dass man vor allem seine Feinde lieben muss, denn seine Freunde liebt man ohne grossen Aufwand im Normalfall.

Solche gelungenen Handlungen der Liebe, verstehe ich zeitlich als Ergebnis unter anderem vielleicht aber besonders eben freimaurerischer Arbeit.

Viele Grüsse,

Natali

Ulli
21.12.2007, 01:21
Hallo Nicola, hallo MC.

Haben wir den gleichen Weg zur Arbeit, MC? Wer anderen den Vorrang im Straßenverkehr lässt – kommt meistens dann an, wenn der Stau sich auflöst. Also auch nicht später.

Wenn ich mich an meiner Arbeitsstelle über etwas maßlos geärgert habe, dann gehe ich mittags bewusst in den Stadtpark – und lächle. Es ist ein tolles Gefühl, wie selbst Menschen, welche man noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hat, einem einen „guten Tag“ wünschen. Oder geht es diesen momentan vielleicht nicht anders wie mir? Auf jeden Fall gibt man etwas Freude – und bekommt diese auch postwendend zurück. Die „never ending story“ von: wie man in den Wald hineinruft, so schallt es aus ihm heraus.

Die Sache mit der Verabschiedung von meiner Familie halte ich genauso: Küsschen, Winken. Es ist mir auch wichtig, zu hause anzurufen oder von daheim angerufen zu werden.

Gerade diese oftmals als banal bezeichneten Dinge sind es, die das Leben auf einfache Weise verschönern und leichter machen. Falsch ist es, sich daran zu orientieren, das andere Menschen dieses Verhalten als „spießig“ bezeichnen könnten. Wer ist denn der „Spießer“? Der - welcher eine andere Lebenseinstellung besitzt und lebt, oder derjenige, der diese Einstellung kritisiert? Wir alle vergessen, dass wir nur ein Leben vor dem Tod haben - jedenfalls bewusst.

Seinen Nächsten liebt man, wenn man sich fragt: „wie kann ich ihm helfen?“ und nicht – „was macht der denn da? Wie kann ich ihn übervorteilen?“ Seinen Feind zu lieben, bedeutet ja nicht gleich sich in jedem Fall bedingungslos zu unterwerfen. Auch wenn ich auf einer anderen Seite stehe, ist es meine Pflicht, achtungsvoll mit meinem Gegner umzugehen. Streitkultur pflegen. Höflich miteinander umgehen. Nach meiner Auffassung ist eine Niederlage nicht entscheidend – sondern wie wir damit umgehen. Und wie du schon schreibst Nicola: die Liebe zu den Freunden ist gegeben, die zu den Feinden schwierig. Aber wenn ich mich um meine Feinde bemühe, hinterfrage ich in zweifacher Hinsicht: in erster Linie mein Verhalten und dann das Verhalten meiner Nächsten (der Begriff Feind ist mir vielleicht etwas zu absolut – in diesem Fall).

Ist es richtig zu definieren, dass die persönliche Arbeit an meinem rauen Stein in diesem Fall bedeutet zu ergründen, in welchem Maße ich meine persönliche Verhaltensweise ändern kann und sollte – und wie ich versuche, meinem Feind zu helfen. Ihn aus seiner Angriffsposition heraushelfen kann?

Viele Grüße

Ulli

Skimble
25.12.2007, 21:33
Hallo Zusammen,

An Nicola: Frauen nehnt man in der Freimaurerei auch Schwestern:rolleyes2:

An Ulli: (Zittat: Ist es richtig zu definieren, dass die persönliche
Arbeit an meinem rauen Stein in diesem Fall bedeutet
zu ergründen, in welchem Maße ich meine persönliche
Verhaltensweise ändern kann und sollte – und wie ich
versuche, meinem Feind zu helfen. Ihn aus seiner
Angriffsposition heraushelfen kann?)

Ich persönlich glaube es past bis zu dem punkt an dem du aktive helfen willst weil ab da würdest du ja seinen rauhen stein bearbeiten und nicht deinen ^^


Ein ehemaliger Vorgesetzter von mir vertritt die Einstellung das man seine Untergebenen Leute so behandeln sollte wie man selbst behandelt werden wil. Wenn ich also möchte das jemand ohne zu fragen mir bei was auch immer hilft sollte ich nicht scheuen anderen zu helfen ohne das sie fragen (so ich den dazu in der lage bin)

"Die wahren Taten der Freimauer zielen dahin, um größtenteils alles, was man gemeiniglich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen." Aus Lessing´s Ernst und Falk

Viele Grüße,

Skimble

Ulli
26.12.2007, 23:34
Hallo Skimble,

"Die wahren Taten der Freimauer zielen dahin, um größtenteils alles, was man gemeiniglich gute Taten zu nennen pflegt, entbehrlich zu machen." Aus Lessing´s Ernst und Falk

Mit diesem Zitat von Lessing wäre ich wieder bei meiner ewig-lästigen Frage nach der „Aussenwirkung“ – nach der Wirkung freimaurerischer Auffassung und Einstellung zum Leben auf die Gesellschaft. „Gute Taten entbehrlich machen“ bedeutet für mich, dass die Arbeit am rauen Stein nicht nur auf mich selbst beschränkt bleibt. Die Erfordernis guter Taten wird nur entbehrlich sein, wenn alle Menschen sich im Sinne einer humanitär ausgerichteten Lebenseinstellung im positiven Sinne verhalten. Den Nächsten achten, hilfsbereit sein, sich für einander einsetzen. Oder sollte man dieses durch eine aktiv „vorgelebte“, andere Einstellung zum Leben erreichen? Z.B. könnte man dieses durch eine faire Verhaltensweise im Straßenverkehr, im Berufsleben, der Familie etc. vorleben. Demgegenüber wird natürlich stehen, dass gemeinhin Fairness als Schwäche ausgelegt wird. Wobei wir wieder im abgegrenzten, klar definierten Umfeld z.B. einer Loge wären.

Viele Grüße

Ulli

Moritz
02.01.2008, 20:09
Oder sollte man dieses durch eine aktiv „vorgelebte“, andere Einstellung zum Leben erreichen?

Hallo Ulli,

genauso und nur so.

Jeder von uns kennt Menschen (und nach meiner Erfahrung ist immer mindestens ein ehemaliger Lehrer dabei :yes:) von denen er sagt: das hat mir gefallen, das hat mich beeindruckt, das möchte ich übernehmen. Oder genau das Gegenteil. So will ich nie sein!

Natürlich versuchen unsere Eltern (und zum Teil sicher auch Lehrer) zu erziehen. Aber seien wir ehrlich: wir alle beherschen einen Teil Verhaltensmuster die wir einfach machen, weil man sie uns so beigebracht hat. Das gehört sich eben so. Aber wirklich gerne tun wir die Dinge, die wir für uns selber wirklich als gut und richtig befunden haben.

Was ich damit sagen will: wir alle Leben von guten (und auch schlechten) Beispielen und nur wir entscheiden was wir davon annehmen. Und darin sieht (so habe ich es verstanden) die Freimaurerei ihre Aufgabe. Als Multiplikator für ethische Werte zu fungieren - als lebendes Beispiel.

Gruß

Markus

Ulli
03.01.2008, 00:17
Hallo Markus,

zunächst einmal „ein frohes, neues Jahr!“.

„Als Multiplikator für ethische Werte zu fungieren - als lebendes Beispiel“

Dem kann ich nur entsprechen: wir orientieren uns an guten und schlechten Beispielen. Im Laufe unseres Lebens gewinnen wir Einsichten, nach denen wir das, was für uns richtig ist, auszuwählen lernen. Ich bin mir sicher, jeder Mensch setzt die hiefür entscheidenden Kriterien für sich ständig neu, in dem Sinne, dass er seine persönliche „Messlatte“ kontinuierlich höher legt.

Unsere heutige Gesellschaft ist natürlich Veränderungen unterworfen, aber man kann sich nicht jede Entwicklung „schönreden“. Die Kritikfähigkeit des einzelnen kann nur in konstruktiven Gesprächen trainiert und geschärft werden. Sich mit den Gegebenheiten bedingungslos arrangieren, bedeutet aufzugeben.

Lehrer haben da mit Sicherheit eine wichtige Schlüsselfunktion inne. Nicht nur der klassische „Lehrer“, sondern eigentlich jeder Mensch, der bereit ist, seine Lebenserfahrung weiterzugeben. Seien es gute oder schlechte. Wichtig ist nur, dass man nicht von vornherein eine Wertung abgibt, sondern auch zu seinen eigenen Fehlern steht, eben halt selbstkritisch ist - und natürlich auch bleibt. Leider fehlt einem oftmals jedoch eine qualifizierte „Supervision“.

In welchem Maße setzen Freimaurer untereinander, außerhalb der Logenarbeit, eigentlich die Arbeit an ihren „rauen Steinen“ fort?

Viele Grüße

Ulli