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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Paradoxe Logentabus?


Itman
24.10.2007, 16:35
Guten Tag, da ich mir in dieser Sache nicht sicher bin, möchte ich ganz vorsichtig sein.

Gestern war ich auf einem Gästeabend der FM in Hannover, wo eine Rede über die FMs, oder besser gesagt, über ihre Geschichte gehalten worden ist. Was mir bessonders aufgefallen ist, waren die Worte des Meisters vom Stuhl, der gesagt hat, dass die Themen Religion und Politik in den Logen tabu sind.

:hmmm: mh, nun ja, da die Freimaurerei die ethischen Werte vertritt, sowie sich für Menschenrechte einsetzt, müssen sich doch die Mittglieder irgendwie darüber unterhalten, da diese Themen die höhste Akualität darstellen. Außerdem müssen doch die Mitglieder diese Werte verteidigen, indem sie politisch wirken. Aber wenn ich mir den gestrigne Vortrag anschau, dann klingt es für mich so, als ob die FM nur ein Raucherclub wäre, bei dem man sich über den Geschmack der Zigarren unterhält, aber keine Wirkung nach außen trägt, da man sich ja nicht über diese Themen unterhält, was aber auch ein Stopschild für die eigene Veränderung ist.

Hila
24.10.2007, 21:18
Guten Abend!
Als sich Annähernde und Außenstehende stelle ich mir natürlich auch diese Frage. Die bislang erhaltenen Erklärungen zielten darauf ab, dass man dieses Tabu mit Blick auf die "Freiheit" des Einzelnen hochhält, also die politische Meinung oder religiöse Orientierung des Einzelnen nicht Thema bzw. Diskussions- oder gar Streitpunkt sein soll. Das erscheint mir sinnvoll.

Komplizierter wird es aber für mich mit dem, was Du mit "Raucherclub" vielleicht bezeichnen wolltest. Was mich dabei umtreibt ist die Frage, inwieweit die Arbeit am rauhen Stein, die "Vervollkommnung" der eigenen Person, denn auch im Alltag, innerhalb (z.B. mit Blick auf "Vereinsmeierei", Macht und Funktion, gegensätzliche Positionen...) und außerhalb der Loge, z.B. im Beruf wirkt und hinterfragt wird. Und ob und wie darüber auch kritisch diskutiert wird. Der Anspruch ist ja - so erscheint es mir - ein recht hoher, wie lässt sich das im Alltag umsetzen? Mit Blick auf die Geschichte stellt sich mir im Rahmen der Vorbereitungen meiner Ausstellung (siehe Vorstellung in der Rubrik "Sonstiges") des öfteren die Frage: Wie vereinbart ein Freimaurer z.B. seine gleichzeitige Funktion in der Bürokratie einer z.B. undemokratischen Regierung? Aber eben auch im ganz banalen Alltag...

Ich hoffe ich bin damit nicht zu weit abgeschweift und freue mich auf Antworten...
Hila

Itman
24.10.2007, 22:23
Guten Abend Hila,

es ist selbstverständlich berechtigt die persöhnliche politische Freiheit zu akzeptieren und darüber nicht zu streiten, das sehe ich, wie Du auch, völlig ein und habe damit kein Problem.

Was mir den Kopf zerbricht ist eher die Disputation über die Politik und Religion. Natürlich nicht auf einen Einzelnen bezogen, denn ich würde auch ungern jemandem den Glauben ausreden. Es geht mir über die allgemeineren Themen, wie z.b die Islamischen Extrimisten, oder überhaupt die Macht der Religion in unserer Globalisierung, es könnte von mir aus sogar die Regierung von Georg Bush sein. Wie könnte also die Arbeit am rauhen Stein geleistet werden, wenn all dies nicht besprochen wird?

Mit dem Raucherclub meinte ich das Zusammenkommen der FM und die Vollziehung des Rituals(wovon ich keine Ahnung habe). Das wirkt so ein bisschen, ja wie soll ich es ausdrücken, ,,als ob``
Damit kommen diese zusammen, sagen, ,,wir vertreten die Menschlichkeit und die ethischen Werte, so und jetzt last uns Karten spielen`` (nicht böse gemeint). Solange dies nicht in Praxis umgesetzt wird, sehe ich ein Problem in dieser ,,Vertretung``

Dazu bedarf in dieser Hinsicht einer Aufklärung.

Lalu
24.10.2007, 23:02
Guten Abend, Hila,

Ich denke, daß hier ein klassisches Mißverständnis vorliegt. Gesprochen wird in den Logen, die ich kenne, durchaus über Politik und Religion. Nur wird eben nicht gestritten. Ein, wie ich finde, gewichtiger Unterschied.

Einen schönen Abend + freundlicher Gruß

Lars Neumann

oberon
25.10.2007, 00:19
Nun, die Frage nach der alltäglichen Umsetzung ist natürlich unmöglich zu beantworten. Das wäre vergleichbar mit der Frage: "Sagt mal, ihr Deutschen, wie lebt ihr eigentlich so eure typischen Werte?"

Diese Frage kann jeder Bruder nur ganz persönlich für sich und sein Lebensumfeld beantworten und ist daher wohl eher eine Frage für diejenigen, die sich schon in persönlichen Gesprächen mit Brüdern befinden. Da kann diese Frage aber ruhig mal gestellt werden.

Das mit den undemokratischen Regierungen ist natürlich so eine Sache. In den meisten totalitären Staaten ist Freimaurerei ohnehin verboten, und die Demokratie ist ja auch nicht das Paradies auf Erden. Ich hoffe, das in allen staatlichen Systemen, egal wie sie aussehen, unsere Brüder ihr Bestes zum Wohle der Menschen tun.

Die Umsetzung in die Praxis ist auch eine individuelle Frage. Welche Art ist die Richtige? Rede ich nur darüber ohne etwas zu tun, weil ich politisch nicht aktiv bin? Aber ich versuche, meine Werte meinen beiden Kindern zu vermitteln und sie Freunden und Verwandten gegenüber zu leben. Dafür muss ich weder eine Stiftung gründen noch einen Bürgerinitiative, ich brauche keinen Infostand und ich muss auch keine Tausende von Euros sammeln.
Ich hoffe, dass das wiederum Brüder tun, die damit viel besser umgehen können als ich.

Freimaurerei ist keine einheitliche Erscheinungsform. Dann widerspräche sie sich selbst. Also höchst individuell, ein Teil unserer Selbst - und damit zwangsläufig alltäglich. Denn wenn wir uns selbst verändern, dann tragen wir das 24 Stunden mit uns herum.

Viele Grüße,

Thomas

Itman
25.10.2007, 09:14
Guten Abend, Hila,

Gesprochen wird in den Logen, die ich kenne, durchaus über Politik und Religion. Nur wird eben nicht gestritten. Ein, wie ich finde, gewichtiger Unterschied.



Welcher Unterschied besteht darin? Ich sehe es nicht als das Gleiche an, aber es ist in gewisser Weise eine sehr knape Grenze, bessonders wenn es zu einer Diskussion führt.

oberon
25.10.2007, 09:19
Es geht dabei um konfessionelle und parteipolitische Diskussionen, die oftmals zu Streitereien entarten. Solche haben in der Loge nichts verloren. Wenn man die Begriffe weit fasst, kann man ja fast jedes gesellschaftliche Thema auch als politisches Thema bezeichnen. So ist das natürlich nicht gemeint.

Außerdem bemühen wir uns auch bei unterschiedlichen Grundansichten die Grundlagen angriffsfreier Kommunikation zu beachten und im Idealfall von den Ansichten des Bruders etwas zu lernen. Bei einem Streitgespräch ist es das Ziel der Beteiligten, als "Sieger" aus der Diskussion hervor zu gehen, bei einem freimaurerischen Gespräch sollte es das Ziel aller Beteiligten sein, nachher mit mehr Erkenntnis über das Thema und die Person des Bruders aus der Diskussion hervorzugehen.

Der Konjunktiv zeigt, dass dies natürlich auch nicht immer klappt. Wir sind schließlich auch nur normale Menschen, aber zumindest die Motivation ist da.

Viele Grüße,

Thomas

Itman
25.10.2007, 09:32
Vielen Dank für diese tolle Antwort

Schwarzbär
25.10.2007, 15:35
Liebe(r) Itman,

wenn Sie auf den Vortrag des Großmeisters im Historischen Museum anspielen, dann haben wir die gleiche gleiche Veranstaltung im Sinn. Sehr gelungen, wie ich fand.

Aber wenn Sie diesen Vortrag erinnern, werden Ihnen auch die Vielzahl an politisch handelnden und denkenden Personen von Börne bis Georg V (ein Herrscher ist schließlich auch ein Politiker) in den Sinn kommen. Soll heißen: Auch wenn auf das Streitgespräch in den Logen verzichtet wird, ist der Einzelne u.U. ein politisch aktiver Sinn, der sich – im Idealfall – getreu der freimaurerischen Ethik verhält. Somit hätten Sie durchaus eine Anbindung der Politik an die Freimaurerei.