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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Verstand und Gefühl


Temporär
13.08.2007, 15:27
Ich versuche mir darüber klar zu werden wieviel Vernunft ich als Freimaurer mitbringen kann um nicht mit ihr selbst in Konflikt zu geraten.
Die Bedeutung von Emotionen für den Menschen zu unterschätzen halte ich für ignorant, aber dass die Vernunft die Ursachen und Wirkungen von Emotionen unter die Lupe nehmen will erscheint mir angemessen und notwendig. Dabei ist mir wissenschaftliche Methodik unverzichtbar um eine bestmögliche Objektivität zu erzielen.
Von jemandem der Behauptungen aufstellt erwarte ich Beweise und gleichzeitig eine konstruktive Haltung wenn seine Behauptung widerlegt wird.
Wenn ich meine eigenen Theorien aund Anschauungen revidieren muss, weil diese widerlegt wurden, dann habe ich wirklich etwas gelernt.
Dogmen jeglicher Art bekommen mir gar nicht. Denken, Fragen und auch Diskurs im Zusammenspiel eines respektvollen Miteinanders müssen immer möglich sein.

Ist meine Geisteshaltung generell mit der Freimaurerei vereinbar?

T.G.
13.08.2007, 16:45
Sehr geehrter Temporär,

wie kommen Sie denn auf die Idee, daß Ihre - zuvor dargelegte - Geisteshaltung mit der Freimaurerei, genauer: mit der Geisteshaltung von (anderen) Freimaurern, nicht konform gehen könnte?

Mit freundlichen Grüßen

T.G.

Temporär
13.08.2007, 17:02
Lieber T.G.,

meiner Erfahrung unterliegt der Prozess des Lernens und die Suche nach Wahrheit beim Menschen einigen instinktiven Hindernissen. Dazu gehört auch das Bestreben an einer einmal gefassten Meinung auch dann noch festzuhalten, wenn nach der Betrachtung aus einer neutraleren Position diese bereits widerlegt ist.
Gerade im konservativen Denkschema ist dieses Verhalten besonders ausgeprägt.
Bisher weiss ich nur sehr wenig über die Menschen die sich als Freimaurer bezeichnen und die Kultur des Miteinander in den Logen. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Freimaurerei eine lange und weitgehend unveränderte Tradition fortsetzt und an vielen Prinzipien und Ritualen seit Jahrhunderten festhält.
Was ist, wenn ich diese Dinge (falls ich sie überhaupt kennen lernen darf) in Frage stelle?
Daher meine Bedenken hinsichtlich meiner wenig konservativen Denkweise.

Mit freundlichen Grüßen

Temporär

Moritz
13.08.2007, 17:16
Dogmen jeglicher Art bekommen mir gar nicht. Denken, Fragen und auch Diskurs im Zusammenspiel eines respektvollen Miteinanders müssen immer möglich sein.

Ist meine Geisteshaltung generell mit der Freimaurerei vereinbar?

In dieser Ausprägung immer. Die Freimaurerei an sich kennt keine Dogmen. Gerade das Denken, Fragen und der Diskurs sollen ja hoch im Kurs stehen.

Von jemandem der Behauptungen aufstellt erwarte ich Beweise und gleichzeitig eine konstruktive Haltung wenn seine Behauptung widerlegt wird.
Wenn ich von dem dialektischen Problem mal absehe (wenn jemand seine Behauptung tatsächlich beweist, wie widerlegt man dann die Beweise?) ist das "Problem" aber keines der Freimaurerei sondern eher der Menschen, oder? Wer lässt sich schon gerne nachweisen, dass er (u.U.) jahrelang einem Irrglauben aufgesessen ist?

Will sagen, nach dem freimaurerischen Ideal sollte es da nie zu Konfrontationen kommen, wenn, ja wenn, die einzelnen Freimaurer nicht auch Menschen wären...

Mein Vorschlag an dich: such dir eine Loge in deiner Nähe und unterhalte dich mich den Brüdern auf einem Gästeabend. Und du wirst sehr schnell merken, dass die Grundhaltung dort durchaus "kompatibel" zu deiner ist, es aber immer noch Menschen sind. (Dass nicht alle rauhen Steine gleich glatt gehauen sind könnte aber auch mit Messtoleranzen der einzelnen "Fertigungschritte" erklärt werden :rolleyes2:.)

Gruß

Markus

Moritz
13.08.2007, 17:41
... Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Freimaurerei eine lange und weitgehend unveränderte Tradition fortsetzt und an vielen Prinzipien und Ritualen seit Jahrhunderten festhält.
Oh ja, das tun sie. Und sie sind da auch stolz drauf.

Ein schlauer Menschhat einmal gesagt: Tradition bedeutet die Flamme weiter zu reichen, nicht die Asche.
Und das, was die Freimaurerei zu bieten hat ist uralt und ewig jung. Denn die Fragen, wer bin ich, wo komme ich her, wo gehe ich hin sind weder neu noch innovativ. Aber irgendwann stellt sie sich jeder. Die Freimaurerei beantwortet diese Fragen aber eben nicht seit Jahrhunderten gleich, stellt aber seit Jahrhunderten die gleichen Mittel (das Ritual) zur Verfügung. Wobei man da eigentlich sagen muss, dass es eben das eine Ritual ja auch nicht gibt. Wenn du dich ein bisschen mit der Geschichte der FM befasst wirst du ziemlich schnell über die diversen Abspaltungen und ähnliches stolpern. Ergo: das Ritual ist schon immer auch angepasst worden. Was sich (soweit ich das weiß) nie geändert hat ist die Idee dahinter!

Was ist, wenn ich diese Dinge (falls ich sie überhaupt kennen lernen darf) in Frage stelle?
Und du glaubst ernsthaft bei derzeit 6 Millionen Mitgliedern weltweit und ich habe keine Ahnung wievielen Millionen im Laufe der Geschichte, dass du da der erste wärst?

Eher unwahrscheinlich, meinst du nicht? Und du wärst auch nicht der erste der seine Mitgliedschaft deckt (sprich austritt) weil er mit der FM (obwohl es wohl meistens eher an den Freimaurern, weniger an der Freimaurerei lag [vermutungsmodusaus]) nichts mehr anfangen kann. Ich kann dir nur meinen o.g. Tipp nochmals ans Herz legen. Trau dich, lerne Brüder kennen. Niemand ist dir gram, wenn du irgendwann merkst, dass das doch nichts für dich ist. Aber so aus der Ferne, nur nach dem was du schreibst, denke ich, dass du da ganz gut aufgehoben wärest.

Herzlichen, aufmunternden Gruß

Moritz

Temporär
13.08.2007, 17:50
Lieber Moritz, ich bedanke mich für die nette Antwort und werde "Nägel mit Köpfen machen" und heute Abend einfach die nächstgelegene Loge in Neuwied aufsuchen. Vielleicht kann mir dort jemand einen Termin für einen Gästeabend nennen, bei dem ich dann einige Menschen kennen lernen darf. Ebenfalls werde ich versuchen mit einigen Logen in Bonn Kontakt aufzunehmen um mir auch dort einen Eindruck zu verschaffen. Ich bin schon sehr gespannt auf diesen "First Contact". Bis dahin werde ich weiter suchen und lesen :yes:.

Noch einmal vielen Dank für die prompten und netten Antworten.

Temporär

T.G.
13.08.2007, 19:54
Die Freimaurerei an sich kennt keine Dogmen.

Das hängt nun davon ab, was man unter einem "Dogma" versteht.

Wenn man darunter lediglich die wörtliche Übersetzung, also einen "Lehrsatz", versteht, dann kommt man nicht umhin festzustellen, daß die Freimaurerei sogar eine ganze Menge "Dogmen" kennt.

So sprechen wir z.B. von "Alten Landmarken" und kennen eine Vielzahl von Konstitutionen und Regelungen, die als verpflichtend angesehen werden und insofern auch nicht in Frage gestellt werden.

Es gab und gibt m.E. überhaupt keine organisierte Gemeinschaft ohne unumstößliche Regelungen, denen sich die Mitglieder bereit sind zu unterwerfen.

Und in diesem Sinne ist die Freimaurerei auch "dogmatisch". Und selbst diejenigen Vereinigungen, die sich freimaurerische betätigen wollen und sich ganz bewußt in Abgrenzung zur regulären Freimaurerei "adogmatisch" nennen, sind bei genauerem Hinsehen im dargelegten Sinne "dogmatisch". Sie haben nur ein Problem damit dies einzuräumen, da sie sich vor allem mit dem Wort "Dogma" - genauer mit den Assoziationen, das es bei ihnen auslöst, schwer tun.

Wer vorurteilsfrei und zu differenziertem Denken in der Lage ist; für den stellt dies aber wohl alles kaum ein Problem dar.

Moritz
13.08.2007, 23:09
Lieber T.G.,

dass Dogma übersetzt Lehrsatz bedeutet habe ich zugegebenermaßen eben erst erfahren. Ich habe dann mal bei wikipedia nachgeschaut. Dort heißt es:

Unter Dogma versteht man eine festlegende Definition, um einem Glauben, eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit voraussetzend, einen unumstößlichen Wahrheitsgehalt zuzuschreiben.

Und in diesem Sinne gibt es wohl kein Dogma. Zumindest behaupten das die AFaM

Die Freimaurerei entwickelt keine Theologie und kennt keine Dogmen und Sakramente. ('www.freimaurerei.de'),


die GLL FvD

Eine Bindung an Dogmen erfolgt jedoch nicht. ('www.freimaurerorden.de')


und die GNML3WK

Er (der Freimaurerbund) kennt keine Dogmen. ('www.3wk.org')

von sich.

Insofern sei mir also bitte verziehen die FM-eigene Terminologie verwendet zu haben.

In einem sind wir uns aber, glaube ich zumindest, einig:

ja, es gibt alte Werte und Ideen und wer unverkrampft an sie herangeht wird sie nach eingehender Prüfung auch für sich selbst als wahr und richtig erachten.

Herzlichen Gruß

Markus

Schwarzbär
14.08.2007, 06:31
Ihr geht, wie mir scheint, von zwei verschiedenen Konnotationen des Begriffs Dogma aus und habt insofern beide Recht. Versteht man den Begriff so wie T.S., entkleidet ihn aber des theologischen Inhalts, bleiben für alle Freimaurer verbindliche Regeln übrig, die sich beispielsweise in den Alten Pflichten artikulieren. (Nur: Kein FM käme auf die Idee, die AP als "Dogmen" zu verstehen)
Spricht man hingegen vom landläufig gebräuchlichen Terminus des Dogmas als Lehrsatz mit unumstößlichem Wahrheitsgehalt, dann trifft das Fehlen des selben unbedingt auf die Freimaurerei zu, die einen Absolutheitsanspruch auf Wahrheit in keinem Sinn des Wortes vertritt, vor allem nicht im theologischen Sinn, in dem das Wort Dogma ja nun häufig verwendet wird.

T.G.
14.08.2007, 08:03
Sehr geehrter Markus,


Und in diesem Sinne gibt es wohl kein Dogma.

Nein, in diesem - landläufig religiösen - Sinne gibt es in der Freimaurerei keine Dogmen.

Und wenn Sie gleichfalls der Ansicht sind, daß eine Forderung wie diese:

The essential qualifications for admission is that you have a belief in a Supreme Being. (Quelle: Homepage der Vereinigten Großloge von England unter dem Verweis: "How to become a Freemason")

kein "Dogma" in dem von Ihnen dargelegten Sinne ist, dann haben Sie bereits jetzt weitaus mehr von der Freimaurerei begriffen als diejenigen Vereinigungen, die sich selbst als "adogmatische Freimaurerei" auffassen und bezeichnen.

Herzliche Grüße

T.G.

Temporär
14.08.2007, 08:10
Guten Morgen,

ich erkenne in der Diskussion hier auch zwei unterschiedliche Interpretationen des Begriffes "Dogma":

1. Eine unantastbar festgelegete "Wahrheit" die nicht einmal kritisch hinterfragt werden darf.

2. Regeln (einer Gruppe) zum Umgang miteinander, die durchaus hinterfragt werden können aber nicht notwendigerweise ständig verändert werden. Der freiwillige Anschluss an eine solche Gruppe impliziert dann auch die Akzeptanz der aufgestellten Regeln.

Diese beiden Varianten sind sehr unterschiedlich und im Allgemeinen leicht differenzierbar.

Übrigens war der Versuch meiner Kontaktaufnahme gestern Abend erfolgreich und ich wurde, trotz meines unangekündigten Besuches freundlich empfangen und man widmete mir unerwartet viel Zeit.

@T.G.: Ich sehe gerade, daß Sie ein Mitglied der Loge "Prometheus" in Bonn sind, mit der ich auch schon versucht habe in Kontakt zu treten. Über eine Gelegenheit für ein persönliches Gespräch in Ihrer Loge würde ich mich auch sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Temporär

T.G.
14.08.2007, 11:32
Sehr geehrter Temporär,


2. Regeln (einer Gruppe) zum Umgang miteinander, die durchaus hinterfragt werden können aber nicht notwendigerweise ständig verändert werden. Der freiwillige Anschluss an eine solche Gruppe impliziert dann auch die Akzeptanz der aufgestellten Regeln.

Und über exakt solche Regeln verfügt die Freimaurerei. Und obwohl sie - vollkommen zutreffend - die Selbstverständlichkeit zum Ausdruck bringen, daß der freiwillige Anschluß an eine Gruppe mit entsprechenden Regeln auch verlangt, daß man den Inhalt dieser Regeln für sich persönlich für gut und sinnvoll akzeptiert, gibt es Vereinigungen, die jegliche verbindliche Regelungen als ein "Dogma" begreifen und diese per se ablehnen, wie dies z.B. bei der sich selbst so nennenden "liberalen" bzw. "adogmatischen Freimaurerei" (vermeintlich) der Fall sein soll.

Diese beiden Varianten sind sehr unterschiedlich und im Allgemeinen leicht differenzierbar.

So sehe ich das auch.

@T.G.: Ich sehe gerade, daß Sie ein Mitglied der Loge "Prometheus" in Bonn sind, mit der ich auch schon versucht habe in Kontakt zu treten. Über eine Gelegenheit für ein persönliches Gespräch in Ihrer Loge würde ich mich auch sehr freuen.

Das klären wir am besten via Privatnachrichten.

Mit freundlichen Grüßen

T.G.