Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Geschichte im Wandel der Zeit
Ahura Mazda
31.07.2007, 21:06
Hallo miteinander,
hat vielleicht mit der Freimaurerei nur indirekt etwas zu tun, würde mich aber über ein paar Rückantworten freuen!
In den paar Jahren welche ich jetzt auf dieser unsrer Welt bin konnte ich doch einen deutlichen Wandel in der Geschichtsschreibung wahrnehmen!
Einige werden nun sagen, daß dieses wohl auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, mir persönlich erscheint es jedoch eher so als ob es rein im Wandel unserer Gesellschaft begründet liegt, welche ein subjektives Bild der Geschichte erzeugt.
Wie können wir hier noch von einer wissenschaftlichen Disziplin sprechen wenn wir unser derzeitiges Geschichtsbild anschauen!
Ist letzendlich alles, wie auch die Geschichte lediglich ein durch unsere Gesellschaft generiertes Spiegelbild welches von unserer subjektiven Wahrnehmung noch weiter verzerrt wird?
Einen lieben Gruß
Der neugierige Andreas:hmmm:
ExOrientelux
01.08.2007, 13:00
Lieber Andreas,
wenn Sie Ihre allgemein gehaltene Frage etwas konkretisieren könnten, wäre das gut.
Im erkenntnistheoretischen Kontext sprechen Sie etwas an, was man im deutschen Idealismus erkannt hat: nämlich daß die Subjektivität des Erkennenden die Objektivität des Erkannten im Sinne des Erkennenden verfälscht. Ich schaffe mir meine (nurmehr scheinbare) objektive Welt durch die Art meines Ichs und meines Blicks.
Der links-Hegelianische Idealismus hat noch eines draufgesetzt und im Umkehrschluss gefolgert, daß die Prägung der Aussenwelt keine Einbahnstrasse ist. Die Gesellschaft prägt nunmehr die Erkenntnisfähigkeit ihrer einzelnen Glieder (historischer Materialismus). Du bist, was Du sein sollst.
Wenn Sie konkreter werden, kann man vielleicht konkreter diskutieren:ohwell:, prinzipiell gebe ich Ihnen recht.
Mit freundlichen Grüßen, ExOLux
Ahura Mazda
01.08.2007, 13:41
Lieber Andreas,
Der links-Hegelianische Idealismus hat noch eines draufgesetzt und im Umkehrschluss gefolgert, daß die Prägung der Aussenwelt keine Einbahnstrasse ist. Die Gesellschaft prägt nunmehr die Erkenntnisfähigkeit ihrer einzelnen Glieder (historischer Materialismus). Du bist, was Du sein sollst.
Mit freundlichen Grüßen, ExOLux
Das heißt ein Interaktionismus zwischen Gesellschaft und Individuum welches letzendlich zum Schluss führt, daß alles, sogar daß in der Geschichte erlebte immer nur der Momentanen subjektiven Erkenntnis des Individuums (welches entsprechend der Gesellschaft geprägt ist und auch entsprechend die Gesellschaft prägt) erliegt.
Somit wäre uns ein objektives Erleben der Realität generell nicht möglich!
Somit bestünde die Berechtigung der Geschichtsschreibung rein in der Weiterentwicklung der Gesellschaft!
Was nützt uns diese Geschichtsschreibung jedoch wenn sie alle 20 Jahre umgedeutet wird (wenn nicht sogar geändert)?
Gruß Andreas
ExOrientelux
01.08.2007, 14:10
Ein objektives, für alle Menschen gleiches Erkennen ist nicht möglich. Und hier kommt exakt die Freimaurerei ins Spiel!:yes:
Stichwort: Quantenphysik, Schrödingers Katze, Meister Eckhart, Religion, Ritual, Natur, Kontemplation, Stärke. :shocked:
Tut mir leid, das ist jetzt sehr kryptisch! :yes: Vielleicht treten Sie ja eines Tages unserem Bund bei, dann wissen Sie eventuell, wie's gemeint ist.
Was die Geschichtsschreibung angeht (ein greifbares aktuelles Problem), so entnehme ich Ihren Worten, daß Sie mit bestimmten Dingen unzufrieden sind. Das geht möglicherweise in den Bereich der Politik und sollte hier nicht erörtert werden. Trotzdem kann man allgemein mit Hegel sagen: "Nichts geschieht, ohne das ein Interesse besteht".
Mit freundlichen Grüßen!
Crashdown
02.08.2007, 06:57
Was nützt uns diese Geschichtsschreibung jedoch wenn sie alle 20 Jahre umgedeutet wird (wenn nicht sogar geändert)?
Gruß Andreas
"Uns" nuetzt sie weniger.
Letzendlich dient imo "Geschichtsschreibung", als eines von mehreren Instrumenten, nur der Sicherung und Legitiemierung aktueller Herrschafts- und Machtansprueche.
Im Sinne von "herrschende Geschichtsauffassung ist die Geschichte der Herrschenden" bzw. "Geschichtsbuecher werden von den Siegern geschrieben"
Ich kenne zumindest kein Gesellschaftliches System das subjetives Erleben eines Ereignisses bzw. seine Darstellung und Erlaeuterung , welches im nachhinein der aktuellen Geschichtsaufassung/Interpretation zuwiederlaeuft, nicht negiert oder schlimmstenfalls unterdrueckt und verfolgt.
Aber das waehre sicherlich eine der politischen Diskussionen die innerhalb dieses FM Forums nicht erwuenscht sein koennten.
gruss
Crashdown
Über den Nutzen der Geschichtsschreibung wird wohl schon solange diskutiert wie es sie gibt (also schon immer). Mir fällt dabei auf, dass die Diskussion sich dabei oft vom Ausgangspunkt entfernt und vor lauter Deutungsversuchen und Sinnfragen das eigentliche Anliegen der Geschichtsschreibung vergessen wird (auch wenn es ganz banal klingt).
Folgendes Zitat habe ich bei Wikipedia gefunden und stelle es hier zur gefälligen Betrachtung. Ich persönlich musste ob meiner früheren Sinndiskussionen schmunzeln.
"Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen; so hoher Ämter unterwindet sich gegenwärtiger Versuch nicht; er will bloß sagen, wie es eigentlich gewesen."
Leopold von Ranke zur Aufgabe der Geschichtsschreibung
Viele Grüße
Martin
ExOrientelux
02.08.2007, 10:46
Interessant hierbei wäre noch zu erwähnen, daß die Brüder des christlichen Freimaurerordens durch die Art ihrer Lehrart (auf Christus bezogen) sich dem Geist der Wahrheit verpflichtet fühlen. (Das wird für die humanitären Brüder nicht anders sein).
Insofern kann man durchaus den (Selbst-)Anspruch erheben, die Verpflichtung zur Wahrheit in die Welt und in die politische Diskussion hinaus zu tragen. Innerhalb des fmr. Gebäudes sind politische Diskussionen tabu, da sie die Gefahr von Streitereien bergen. Logen sollen theoretisch Schutzräume vor solchen Auseinandersetzungen bieten. In die profane Welt soll der Maurer dennoch wirken. Aber nur er, als Einzelperson, durch seine Haltung und Überzeugung, nicht die Bruderschaft als geschlossene Kraft, um gleich mal Verschwörungstheorien vorzubeugen.:ohwell:
Ahura Mazda
02.08.2007, 12:41
"Uns" nuetzt sie weniger.
Letzendlich dient imo "Geschichtsschreibung", als eines von mehreren Instrumenten, nur der Sicherung und Legitiemierung aktueller Herrschafts- und Machtansprueche.
Im Sinne von "herrschende Geschichtsauffassung ist die Geschichte der Herrschenden" bzw. "Geschichtsbuecher werden von den Siegern geschrieben"
Aber das waehre sicherlich eine der politischen Diskussionen die innerhalb dieses FM Forums nicht erwuenscht sein koennten.
gruss
Crashdown
An der Politischen Diskussion welche nicht erwünscht ist bist du sehr wohl nahe dran!
Da deine Argumentation jedoch ohne Anschuldigung oder Einbezug von bestimmten Machthabern eingegangen ist, meine ich daß deine Äusserungen als zu überdenkende Einstellung zu Werten ist.
Wobei ich persönlich der Meinung bin, das man dieses Thema auch aus ganz anderer Sichtweise betrachten kann.
(In meinem Fall von der Psychologischen Seite und weniger von der Kulturellen)
Danke auch für deine Anmerkung!
Gruß Andreas
Ahura Mazda
02.08.2007, 12:57
Über den Nutzen der Geschichtsschreibung wird wohl schon solange diskutiert ......
Viele Grüße
Martin
Hallo Martin
Meiner Auffassung nach hat alles einen Nutzen, und es existiert nichts nur zur reinen Existenz!
Daher suche ich bei allem den Nutzen, ich kann es für mich nicht akzeptieren das etwas existiert nur daß es besteht!
Die Niederschrift der Geschichte nur damit sie auf einem Blatt Papier steht hat für sich keine Bedeutung, da kann ich auch einen Roman schreiben und Ihn als Geschichtswissenschaft werten.
Dein lockerer Umgang mit dem Thema gefällt mir jedoch, ich wünschte ich könnte auch immer so gelassen sein!
Ich denke da bewerte ich die Dinge einfach noch zu viel!
Danke für deinen Beitrag Andreas
Hallo Andreas,
natürlich beinhaltet Geschichtsschreibung immer - trotz des Anspruches "sine ira et studio" - auch die Person des Schreibenden, seine Sozialisation, sein Geschlecht, seine politische Meinung, seinen Blickwinkel, seine Fragestellung, seine historische "Theorie", evtl - je nach politischer Großwetterlage / herrschendem System - auch seinen "Auftrag". Nur so entstehen ja dann die großen Diskussionen über z.B. Mikro- oder Makrohistorie, den soziologischen oder den anthropologischen Ansatz, Geschichte "von oben" oder "von unten", Sinn und Unsinn von gender studies oder was auch immer. Das Spannende ist für mich immer wieder, das jeweilige Buch im Kontext der Zeit, im Kontext der aktuellen historischen Diskussion und mit Wissen um die Person des Autors zu lesen. Und natürlich zeichnen sich da immer wieder Wandel ab. Man denke nur an den ersten Historikerstreit in den 60er Jahren, da ging es ja nicht nur um den "Griff nach der Weltmacht", sondern v.a. auch um die ganz persönlichen Lebenswege, Erlebniswelten und Sozialisationen der Autoren. Heutzutage locken Fritz Fischers Thesen niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, damals ging es - wie einer seiner Gegner formulierte - noch um das eigene WK I - "Kriegserlebnis"... Der zweite Historikerstreit der 80er war ganz ähnlich gelagert.
Begrenzte man jedoch die "wissenschaftliche Disziplin" auf die reinen Fakten, wäre ja die Geschichtswissenschaft auf die Darstellung von Quellen beschränkt, selbst die Interpretation müsste dann fehlen, geschweige denn das individuelle Einordnen in den wie auch immer gefassten Kontext. Dann aber wäre keine Geisteswissenschaft "wissenschaftlich". Was die Wissenschaftlichkeit ausmacht, ist m.E. der solide Umgang mit den Quellen und der ehrliche Versuch, gewissenhaft und umfassend die Einordnung vorzunehmen. Daraus ergeben sich halt immer wieder neue Sichtweisen - siehe oben, je nach eigener Zielsetzung.
Rankes Anspruch "er will bloß sagen, wie es eigentlich gewesen"
entspricht der Historiographie des 19. Jahrhunderts, und genau da liegen ihre Mängel. Der historische Materialismus setzte seine Sichtweise dagegen und daraus entstehen bis heute die großen Diskussionen in der Forschung
Soweit erst einmal - bevor das hier romanhaft wird
Theo
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