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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Das Menschenbild der Freimaurerei


seeker
23.07.2007, 12:28
Liebe Forumgemeinde,

Da hier die Möglichkeit besteht mit FM/Suchenden/interessierten etc.. in einen Dialog zu treten nehme ich dieses allzu gerne war um ein mich sehr bewegendes Thema zu anzusprechen: "Das Menschenbild der Freimaurerei" Kann es definiert werden? Falls ja wie sieht denn dann solch eine Definition aus?

MfG
Seeker

Schwarzbär
23.07.2007, 13:36
Es gibt kein Menschenbild, das für die Freimaurerei gültig ist. Vielleicht kann man aber von einem Eigenschaftskatalog sprechen, gemeinsamen Grundkonstanten, die allen FM zu eigen sind (oder sein sollten), einen Wertekosmos, in dem wir uns unter einem sehr weiten Dach zusammenfinden.

seeker
24.07.2007, 10:49
@Schwarzbär. Danke für deine Stellungnahme, wenn von "Grundkonstanten" und einen möglichen „Eigenschaftenkatalog“ gesprochen wird, dann impliziert es direkt einen Werte Katalog und dieses führt dann zu einem, auch wenn weit definierten Menschenbild. Denn sonnst währe es eine "contradictio in adjecto".

MfG
Seeker

Schwarzbär
24.07.2007, 11:00
Den Widerspruch in sich sehe ich nicht. Wenn wir von einem festgefügten Menschenbild ausgehen, in dem Grundannahmen wie "Der Mensch ist gut" oder "Der Mensch hat die Fähigkeit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden" oder "Der Mensch ist des Menschen Wolf" als Tatsachen angenommen werden, dann hat die FM kein festgefügtes Menschenbild, da sie weder Lehre mit Absolutheitsanspruch ist, noch Religion, noch Religionsersatz. Wenn ich von Grundannahmen spreche, in denen wir uns einigen können, dann sind das solche, recht einfache: "Der Mensch ist ein lernfähiges Wesen, der mit Hilfe seiner Verstandes- und Herzenskräfte in der Lage ist, seine Defizite (soweit es ihm möglich ist) abzubauen." Eine solche Aussage könnten sicher die meisten FM unterschreiben; ich halte sie für grundlegend, da das aufklärerische Ideal der Selbsterziehung ein konstituierendes Merkmal der FM ist. Aber nochmal: Die FM bietet kein geschlossenes Lehrgebäude, mit dem ein ebenso zementiertes Menschenbild einherginge.

oberon
24.07.2007, 12:04
Der "Wertekatalog", von dem Br. Schwarzbär schrieb ist - wenn wir mal in der Handwerkssymbolik sprechen - eher ein Werkzeugkasten, mit dem der Mensch seine Entwicklung bearbeitet.

Wie das Endergebnis dieser Entwicklung aussehen mag ist sicherlich eine Sache philosophischer oder religiöser Betrachtungen.

Viele Grüße,

Thomas

seeker
24.07.2007, 12:45
@Schwarzbär "Der Mensch ist ein lernfähiges Wesen, der mit Hilfe seiner Verstandes- und Herzenskräfte in der Lage ist, seine Defizite (soweit es ihm möglich ist) abzubauen."
Gut gebrüllt Schwarzbär :yes:

@ Thomas Wenn ich Dich recht verstehe dann ist aus dieser Betrachtungsweise der gemeinsame Nenner „die reine Arbeit an sich selbst“, was die Brüder und all diejenigen die diesen Weg gehen verbindet. Dann kann man durch aus meinen …der Weg ist das Ziel… Nun finde ich dieses für !mich persönlich!, etwas sagen wir oberflächig, ohne jemanden nahe treten zu wollen, ich bitte dies nicht als Beleidigung falsch zu verstehen.

Wie arbeitet man am Rauenstein wenn man sich nicht vorstellen kann wie dieser am Ende aussehen soll, zumindest eine Ahnung sollte man haben wohin die Reise geht.

Viele Grüße
Seeker

Schwarzbär
24.07.2007, 16:19
Wie arbeitet man am Rauenstein wenn man sich nicht vorstellen kann wie dieser am Ende aussehen soll, zumindest eine Ahnung sollte man haben wohin die Reise geht.

Viele Grüße
Seeker

"Der Weg ist das Ziel" wird Konfuzius zugeschrieben und in der Tat klingen einige Wesenszüge der FM mit an. Die FM ist sehr individualistisch geprägt, so dass jeder Einzelne nach Maßgabe seiner Kräfte/Möglichkeiten an seinem Rauen Stein arbeiten soll. Entsprechend unterschiedlich sind die gesteckten Ziele. Oberflächlich würde ich das nicht nennen, eher realistisch.
Aber natürlich definiert die FM auch Ziele und Grundvoraussetzungen. Glaube, Liebe Hoffnung, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit (Geschwisterlichkeit) sind einige davon, die, wenn Du so willst, in Schlagworten ein wenig Programmatisches in der FM aufscheinen lassen.

ExOrientelux
24.07.2007, 18:01
Guten Tag im verregneten Sommer.

Es gibt zwei Menschenbilder: das Bild des So-Seins, und das Bild des So-Werdens vom Menschen. Wie der Mensch idealerweise sein sollte, ist hinreichend und oft von der Maurerei beschrieben worden und deckt sich mit den meisten ethischen und religiös-ethischen Systemen dieser Erde.
Ich könnte mir vorstellen, daß Seeker eher das So-Sein des Menschen gemeint hat, und hier hat die FM durchaus ein negatives Bild vom Menschen, welches wiederum auch von den meisten religiös-ethischen Systemen geteilt wird.

In der Begrifflichkeit meiner Lehrart, der des Freimaurer-Ordens bewegt sich der Mensch im Dunkel seiner Existenz, mit allen damit zusammenhängenden Lastern und Übeln, die er sich selbst und den Mitmenschen zufügt. Dabei ist die Definition des "Bösen" im Menschen so allgemein gehalten, daß darin im Extremfall Verhaltensweisen abgedeckt sind, die auch die moderne Psychologie in ihren verschiedenen Richtung etwa definiert als "Kontrollverlust", "Psychopathologie", "Neurosen", "narzißtische Persönlichkeitsstörung" etc. Die Frage ist, ob bei Extremfällen der fleißige Tempelbesuch reicht.:blush: Aber warum auch nicht?

Weniger dramatisch sagt der zukünftige Maurer in sein Spiegelbild: "Ich bin unzufrieden mit meiner Unvollkommenheit, ich leide an der Abwesenheit des Idealbildes. Ich will meinen Zorn durch Sanftmut besiegen, meine Boshaftigkeit durch Güte, meinen Geiz durch Freigiebigkeit, meine Lügen durch die Wahrhaftigkeit. Ich will lernen, wie mein (göttlicher?) Funke, den ich dennoch im Inneren spüre, zusammenhängt mit dem Großen und Ganzen der Welt, in der ich lebe. Denn ich spüre, die Schöpfung ist gut.
Was ist das: Zeit und Raum? Wie soll ich mich in dem kurzen Augenblick, den das Leben mir schenkt, verhalten? Bitte, wer hilft mir diese Fragen zu beantworten?":blush:

Natürlich kann jemand helfen:angel:! Das kann ein gesundes soziales Umfeld sein, ein Erlebnis, die innere Überzeugung. Regelmäßige Zen-Meditation, vielleicht die Würzburger Schule der Kontemplation, der Glaube (fast egal an wen!) Allgemein: Übung und Einsicht. Freimaurerei. Es ist schön, daß sich der Besucher "Seeker" diesen Nick gegeben hat, denn Sucher sind die Maurer im allgemeinen immer.

Also das ist das Menschenbild der FM: negativ aber nicht hoffnungslos verloren. In der Finsternis leuchtet ein Licht, welches mal mehr mal weniger verschüttet ist, und die FM ist einer der Wege, das innere Licht zu schützen und zu pflegen. Die Brüder helfen einem dabei. Das Ritual ist eine praktische Kontemplation über Negation des Menschen und Bejahung des wahren Menschentums. Das wahre Menschentum, es wird gelehrt in der FM. Man sollte nur aufmerksam in der Wahl der Lehrart sein, denn die Wege unterscheiden sich schon partiell, der eine passt evtl. besser als der andere zu mir.

Die praktische Kontemplation (eine uralte abendländische Art der Annäherung an das Ideal) verbindet uns in der ethischen Konsequenz mit z.B. dem Buddhismus, gleichwohl die Ursprünge der FM im Christentum liegen. Vielleicht ist das die Attraktivität der FM: die Masken, die Gott in den Religionen, Mythen, Legenden, der Menschheit aufsetzt, werden von der FM erkannt, geteilt, anerkannt und geschätzt.

Herzlichst ExOLux

ExOrientelux
24.07.2007, 18:08
Für Atheisten oder Agnostiker könnte mein letzter Satz wie folgt formuliert werden:
"Vielleicht ist das die Attraktivität der FM: die Spuren, die der Übergang von Chaos zu Struktur in Zeit und Raum hinterlassen hat, werden von der FM erkannt, anerkannt und geschätzt." :ohwell:

Nochmals herzlichst,
ExOLux

T.G.
25.07.2007, 10:32
Vielleicht als Ergänzung und Anregung zu dem hier angesprochenen Themenkomplex ein Literaturtipp:

Giuliano di Bernardo: Die Freimaurer und ihr Menschenbild, Über die Philosophie der Freimaurer, Wien, 1989.

Zitat aus der Verlagsanzeige:

"In ihrer mehr als 270 Jahre dauernden Geschichte hat die Freimaurerei ein eigenes Menschenverständnis entwickelt, daß im europäischen Denken eine Sonderstellung einnimmt. Das freimaurerische Menschenbild ist nicht exklusiv, es verträgt sich mit jedem religiösen oder philosophischen Weltbild, aber es setzt sich verbindlich ethische Normen, die für Menschen jeder Kultur, Rasse, Herkunft oder Überzeugung akzeptabel sind. Die Freimaurerei versteht sich als hohe Schule der Toleranz und Brüderlichkeit und eint in diesem Ideal alle Maurere der ganzen Welt. Jedem läßt sie seine eigenen Überzeugungen und Lebensweise, aber jeden verpflichtet sie auf die gleichen ethischen Normen. Sie vermittelt keine Offenbarungen oder Dogmen, aber sie will zu einem ganz besonderen Stil der Lebensgestaltung führen.

Giuliano Di Bernado erklärt das Menschenbild der Freimaurer, zeigt seine Position im philosophischen Denken der Gegenwart und stellt es in geistesgeschichtliche Zusammenhänge. Anders als sonstige Darstellungen der Freimaurerei geht dieses Buch auf ihre philosophischen Grundlagen ein und wird dadurch zu einer anspruchsvollen, aber faszinierenden Lektüre, die in Italien viele Leser gefunden hat."